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2023 — Marianne Binder-Keller

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Neutralität ist kein Iron Dome.

Die Initianten der Neutralitätsinitiative gaukeln vor, die Neutralität alleine schütze uns vor Krieg. Das Gegenteil ist der Fall. Die Neutralen standen oft speziell im Fokus der Grossmächte. Ich empfehle einen kleinen Ausflug ins historische Kurzzeitgedächtnis.

Im zweiten Weltkrieg waren es gerade neutrale Staaten, die zum Spielball der Nazis wurden. Ich nenne unter vielen: die Niederlande, Belgien und Luxemburg. Die drei neutralen Länder wurden am 10. Mai 1940 überfallen. Luxemburg kapitulierte faktisch am ersten Tag, die Niederlande und Belgien nach heftiger Gegenwehr noch im selben Monat. Die drei neutralen Länder waren besetzt von den Schergen des Dritten Reiches.

Der Schweiz drohte das gleiche Schicksal. Ansonsten hätte sie sich nicht auf einen Überfall der Achsenmächte vorbereitet. Sich auf die Neutralität zu verlassen, wäre wirklich niemanden nicht einmal im Traum in den Sinn gekommen. Die Männer waren im Aktivdienst. Die Frauen organisierten Familie und Betrieb. 1938 ging Österreich «Heim ins Reich». 1940 kapitulierte Frankreich und die Schweiz war vollständig von Diktaturen umgeben, Nazi-Deutschland und das faschistische Italien.

General Henri Guisan befahl den stufenweisen Bezug der Alpenfestung. Der Rest der Schweiz war nur noch marginal geschützt. Nirgends ragte da ein Iron Dome, genannt Neutralität, an welchem die Panzer abprallen würden und die Bomben zerschellen. Was die Schweiz schlussendlich vor einem Krieg auf eigenem Boden verschonte, war der Sieg der Alliierten, welche Europa befreiten, im speziellen durch die Unterstützung der USA und Kanada. Wer es nicht glaubt, besuche einmal die Soldatenfriedhöfe in der Normandie und in Mittelitalien, wo die Gräber von jungen Menschen Zeugnis ablegen, wem wir hauptsächlich unsere Freiheit im westlichen Europa uns somit in der neutralen Schweiz verdanken.

Die Schweiz hatte nach 1945 gleich zweifach Glück. Erstens, dass sie sich geborgen in der westlichen Rechtsstaats-und Sicherheitsarchitektur wähnen konnte. Mitbeschützt im späteren Verteidigungsbündnis der Nato und zweitens auch geografisch. Wir fielen nicht unter die sowjetische Herrschaft. Stalin, welcher 1939 einen Nichtangriffspakt mit Hitler einging, was diesem den Rücken in den Westen freimachte, musste erleben, dass die Sowjetunion selber überfallen wurde und ging ein Zweckbündnis ein mit den Westalliierten. Anders als seine Verbündeten unterwarf Stalin jedoch seine sogenannt «befreiten Staaten» gleich der nächsten Diktatur.

Die Initianten der Neutralitätsinitiative verkennen die Eingebundenheit der Schweiz in die westlichen Demokratie-,Sicherheits-und Rechtsstaatsarchitektur. Sich unsolidarisch davon zu verabschieden, wäre kein Schuss auf Gessler, sondern einer ins eigene Knie. Wenn wir uns nicht entscheiden, wo wir stehen, werden wir bald selber sehen müssen, wo wir uns befinden. Nämlich in der kompletten Isolation.

Die Neutralitätsinitiative, über welche wir nächstens abstimmen, besagt unter anderem, dass die Schweiz keine Sanktionen gegen kriegsführende Staaten mehr übernehmen darf, ansonsten sei sie nicht mehr neutral. Dies entspricht der Diktion Russlands und wird so kritiklos übernommen. Obwohl die Schweiz ein Rechtsstaat ist und dem Völkerrecht verpflichtet, müsste sie gemäss dieser Vorstellung von Neutralität, Recht und Unrecht gleichsetzen. Den Aggressor Russland gleich bewerten wie das Opfer Ukraine. Die Verletzung des Völkerrechtes durch die russische Armee und die Angriffe auf die ukrainische Zivilbevölkerung gleich bewerten wie den Verteidigungskampf der Ukrainerinnen und Ukrainer.

Die Neutralitätsinitiative gefährdet die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes. Wir dürften keine Verteidigungsbündnisse mehr eingehen, ausser wir würden direkt angegriffen. Wer will in einem solchen Moment mit uns noch Bündnisse eingehen, wenn die Zusammenarbeit nicht vorbereitet ist? Sicherheit entsteht heute durch vernetzte Zusammenarbeit, etwa bei der Luftverteidigung, bei der Cyberabwehr oder bei der Ausbildung. Die Initiative würde solche Kooperationen einschränken bis verunmöglichen.

Niemand will die Neutralität aufgeben, aber die Auslegung dieser Initiative ist gegen das Interesse des neutralen Landes Schweiz. Interoperabilität mit anderen Armeen ist heute das Gebot der Stunde. Ja, ich stehe auch zur bewaffneten Neutralität: wir greifen niemanden an, verteidigen uns jedoch bei einem Angriff. Es wäre weltweit gesehen das grösste Friedenskonzept, würden sich alle daran halten. Tun sie leider nicht. Die Schweizer Armee, wir wissen das alle, ist im Ernstfall nicht in der Lage, sich allein zu verteidigen. Also lautet die Losung: Ja, zur bewaffneten Neutralität, aber mit internationaler Kooperation. Nein zur sicherheitsgefährdenden Isolationsinitiative.

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