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2023 — Marianne Binder-Keller

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Ein Anlass für Königinnen und Könige

Ich danke für die Ehre anlässlich des Gedenkens an 500 Jahre Badener Disputation in meiner Heimatstadt ein paar Begrüssungsworte sprechen zu dürfen. Dies an einer Ihrer vielen eindrücklichen Veranstaltungen, welche die Projektleitenden zur Disputation organisieren. 

Auch wenn die Badener Disputation, wir wissen das, nicht unbedingt zu der von den Katholiken erhofften Einheit des katholischen Glaubens führte, sondern eher die jeweiligen Glaubenspositionen erhärtete, so bleibt und blieb der Grundgedanke, nämlich das Gespräch. Genauer das Streitgespräch. 

Streit und Gespräch. Wie geht das zusammen? Im Streit ein Gespräch führen? Letzteres, das Gespräch, stellen wir uns doch eher als gemütliche Sache vor. Beispielsweise bei einem Abendessen zu zweit im Restaurant. Anders als der Streit, wo man sich manchmal Dinge an den Kopf wirft, von denen man denkt, man hätte sie besser nicht geworfen. Es gibt aber auch den lustvollen Streit, das Ringen um Positionen. Die witzige Debatte, diejenige, welche Schlagfertigkeit abverlangt. Die nervigen Gespräche. Wer kennt sie nicht? Die Diskussionen mit dem Nachwuchs im Teeniealter über die Frage, wann der Teenie nach einer Party wieder zu Hause sein sollte. Die zähen Verhandlungen. Rhetorisch und argumentativ musste man als Eltern wirklich auf der Höhe sein. Wahrscheinlich war das die beste Schulung im Hinblick auf meine politische Karriere. 

Weil: in der Politik dominiert die Macht des Wortes. Und mit dem Wort und mit dem Argument Macht zu erlangen, ist in der Demokratie anstrengend. Denn das Wort und das Argument sind der Wahrhaftigkeit verpflichtet. Dies nie aus den Augen zu verlieren, ist die Herausforderung und die Verantwortung derjenigen, welche in einer Demokratie Macht besitzen. 

Und das sind nicht nur die gewählten Politikerinnen und Politiker, deren Macht schliesslich alle vier Jahre einer Brechung durch das Volk unterliegt, nein, das sind wir alle, denen ein Gehirn geschenkt wurde. Autokraten fürchten nichts so sehr wie das Licht der Wahrheit und der Erkenntis derjenigen, über welche sie herrschen wollen. So wie Herodes ein neugeborenes Kind fürchtete, bei dem er offenbar erahnte, dass es die Macht besass, die Herrschaftsverhältnisse in ihren Grundfesten zu sprengen mit diesen bestechenden Ideen des Urchristentums: Freiheit. Gleiche Rechte. Solidarität. Die Werte der Aufklärung, des modernen Rechtsstaates und der Demokratie. Lassen wir nicht zu, dass falsche Könige die Demokratien unterwandern. Die Propagandisten und Volksbelügner. Seien wir wehrhaft und streitbar ihnen gegenüber. Fürchten wir uns nicht. Fürchten wir die Gegenrede nicht. Den Streit. Das Streitgespräch. Das Gespräch.

Wir geniessen heute eine Ausstellung mit Königinnen und Königen. Figuren, die wir wie mit König Herodes mit Macht verbinden. Aber keine Könige wie Herodes. Es sind wahrhaft königliche Könige. Dies deshalb, weil sie zum Dialog ermächtigen und nicht zum Monolog. Weil sie zur Mitsprache aufrufen und nicht zur Diktatur. Weil sie Hingeneigtheit zeigen und nicht Abgehobenheit. Weil sie eigenständiges Denken beflügeln und keine aufgeweichten Hirne. Weil sie das Herz am rechten Fleck haben und die Kniefälle verachten. Weil sie stehen und standhaft sind. So steht denn auch im Beschrieb einer der 15 Königsfiguren.

Wie standhaft bleiben

wo die Gewissheiten fallen?

Wie aufrecht stehen

wo die Lügen den Sieg davontragen?

Wie die eigene Würde retten

wo die Schamlosigkeit triumphiert?

Wie am Unzerstörbaren in sich festhalten,

wo es Bomben hagelt?

Wie unversehrt bleiben

wo sich die Trümmer türmen?

Und wie sich die Menschlichkeit bewahren

wo die Unmenschlichkeit regiert?

Die Antworten finden wir in uns selbst. In einer Demokratie äussern wir sie lautstark. In einer Demokratie disputieren wir um die Wahrheit und kämpfen um die Freiheit der Meinungsfindung. 

In einer Demokratie fürchten wir uns nicht.

Ich danke Ihnen. 

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