Ich habe die grosse Freude, heute zur Wiedereröffnung des Schweizer Museums für Feuerwehr und Berufe ein paar Worte sprechen zu dürfen. Hier im Schöntal, im Surbtal, im Tal der Museen. Und es war mir gestern auch vergönnt, von Kurt Schmid, dem Besitzer des Museums, eine Spezialführung zu erhalten. Und was ich da erlebt habe, hat mich tief beeindruckt. Erlebt ist das richtige Wort. Museen haben bekanntlich oft etwas eingefroren Statisches. Aber dieses Museum lebt, es ist zum Anfassen und erinnert an den Film «Night at the Museum» mit Ben Stiller, der einen Museumswächter spielt im Naturmuseum und plötzlich feststellt, dass die ganzen Ausstellungsstücke, alle historischen Figuren, die Tiere, auch solche aus der Urzeit nachts erwachen und ihre Standplätze verlassen um Geschichte lebbar zu machen.
So kommt es mir vor bei den vielen prächtigen Feuerwehrhelmen, richtige Kunsthandwerke, die man berühren kann und unter den Fingern fühlen. Unter jedem Helm stelle ich mir den Kopf eines Mannes vor, heute ja auch Frauen, welcher seinen Einsatz geleistet hat im Dienste der Gemeinschaft. Ein Mann, der die Leitern hochgeklettert ist, die Pumpen bedient hat, die Wasserdüsen. Eine konnte ich halten, das Ding liegt wirklich schwer in der Hand. Ansonsten könnte es offenbar dem Wasserdruck nicht standhalten. Man sieht verschiedene Feuerwehrautos, Hydranten, welche auch eine Zeitreise darstellen in ihrer Gestaltung, beispielsweise solche aus der Jahrhundertwende ziseliert im schönsten Jugendstil. Gerade hier neben dem Eingang beispielsweise. Ich bin seit gestern neu auf Hydranten fixiert. Aber ich muss das Ihnen ja gar nicht alles beschreiben, Sie begehen die neuen Räume nachher selbst.
Und dann ist dieses Museum auch ein Museum der Berufe und in seiner Einmaligkeit in unserem Land wirklich nicht zu übertreffen. Deshalb auch der Name Schweizer Museum. Es zeigt den ganzen Einfallsreichtum von Menschen, welche mit ihren Händen Werke erschufen und Werke schaffen. So sind Handwerke und Kunstwerke nahe beisammen und verschmelzen zum Kunsthandwerk. Einem Nagelschuh beispielsweise, mit 80 Nägeln bestückt, fährt man beim Schuhmacher über die Sohle. Und mir kam der Herr Hitz aus meiner Kindheit in den Sinn in seiner Schuhmacherei voller verschiedenster Werkzeuge. Herr Hitz dauerhaft mit einem Stumpen, als wäre der sein Kamin. Herr Hitz, ein kleiner Mann, der einem dann immer auch ausführlich das Resultat seiner Arbeit erklärte und vorführte, und wehe, man wirkte desinteressiert, «Losisch zue!», sagte er da. Es hat im Museum eine Glätterei, eine Wäscherei, eine Spenglerei, eine Schreinerei. Kurt hat mir vor Augen geführt, was der Unterschied zwischen einer Schreinerarbeit und einer Drechselarbeit ist, also schreinern ist eckig und drechseln ist rund. Es hat einen Coiffeursalon mit einem kunstvollen Haartrockner und wenn man früher schon beim Coiffeur war, wieso nicht gleich noch Zähne ziehen? Milchzahn, steht da auf dem Schild, kostet 15 Rappen, Backenzahn 30. Bei dieser ganzen Fülle an Gegenständen ist einfach beeindruckend mit welchem Einfallsreichtum die Menschen Werkzeuge geschaffen haben, um Werke zu schaffen.
Und all dieses Werken mit den Händen, das Bedürfnis nach Handwerk, hat sich ja nicht verändert. Wenn Sie ihre Haare schneiden, brauchen sie eine Künstlerin, welche dieses Werk an Ihnen vollbringt. Nach wie vor braucht es Schneiderinnen, und wenn die Toilette verstopft ist, nützt kein 3 D Drucker. Ihre Wände streichen sich nicht allein durchs Anstarren und ein Möbelstück muss physisch hergestellt werden, zusammengeleimt und zusammengeschraubt. Und ein Möbelstück steht nicht im virtuellen Raum. Ehret das Handwerk steht an dieser Wand, und wenn einer dies in unserem Kanton dermassen klar gefordert hat und die Wichtigkeit der Berufsbildung und der Berufslehre herausgestrichen hat, dann ist das Kurt Schmid. Wir sind, auch dank Persönlichkeiten wie Kurt Schmid auf einem anderen Level in der Förderung der Berufe als in beinahe allen anderen Ländern. Und wenn man im Kanton Aargau von Kurt Schmid, dem ehemaligen Gewerbeverbandspräsidenten politisch handwerklich geschult in die Lehre gegangen ist, dann bleibt einem in Bern ja gar nichts anderes übrig als Bildung und berufliche Lehre hochzuhalten und zu unterstützen. Kurt vor Augen, nennt man das.
Ehret das Handwerk steht hier auf dieser Mauer. Dieses Museum weckt die Freude daran und löst Ehrfurcht aus. Es ist ein Museum, in welchem man die Gegenstände anfassen kann. Ein Museum, das Geschichte und Gegenwart kombiniert. Sie werden hier drin den Buchdruck erleben und dabei auch eine gefühlte Tonne Bände Brockhaus wuchten, wenn Sie wollen. Daneben einen kleinen Stick wägen. Wie viele solche Brockhausbände haben auf dem kleinen Stick Platz? Was meinen Sie? Ok, ich wusste es gestern auch nicht und deshalb müssen Sie das Rätsel auch selber herausfinden.
Brochhaus und Stick zeigen uns auch, welche Entwicklungen wir heute erleben. Heute läuft jeder mit einem Computer in der Hand herum mit Speicherkapazitäten, die früher ein ganzes Haus beansprucht hätten. Denken wir an die Telekommunikation, auch im Museum zu sehen. Vielleicht kennen Sie das Buch von Erich Kästner, der 35. Mai, ein visionärer, regimekritischer Roman, er schrieb ihn 1932 zum Weihnachtsgeschäft, kurz bevor er dann Publikationsverbot bekam und seine Bücher brennen sah. In diesem Roman schreibt er, es werde einmal eine Zeit kommen, in welchen die Menschen ein Gerät in der Hand hätten, mit welchem sie jeden anderen Menschen an jedem Punkt auf der Erde erreichen könnten. Und das zeigt er an einem Mann, der ein Telefon aus der Tasche zieht und hineinspricht: «Gertrude, ich muss noch schnell ins Büro, es geht eine halbe Stunde länger, bis du mir das Essen servieren darfst.» Ich hätte es Kästner gegönnt, er hätte gesehen, was er geahnt hat. Getäuscht hat er sich sicher im Rollenbild. Also man stelle sich vor, ein Mann ruft seine Frau an und sagt: «Trudi, es goht e halb Stond länger, bis du mer s,Ässe serviere töfsch.» Sie würde sagen, also beispielsweise, «Was isch denn plötzlich i dech inegfahre?»
Ich komme zum Schluss: Das Surbtal ist nicht nur das Tal der Museen, sondern auch das Tal, in welchem jiddisch gesprochen wird. Die fünfte Landessprache, wie Kurt das sagt und dieses Jiddisch pflegt Kurt auch. Wie viele jiddische Worte in unserem Sprachgebrauch integriert sind, kann auch in diesem Museum erfahren werden. Ich danke Kurt Schmid, aber auch Ihnen allen im Surbtal mit den Synagogen, dem Verein Doppeltür, dem jüdischen Friedhof, dass Sie jüdisches Erbe ehren und bewahren. Sie bringen so Licht in die bedrängten Zeiten für jüdische Menschen mit weltweiten Entwicklungen, die schwere Sorgen bereiten. Das «Nie wieder», scheint zum «Ja, aber zu werden». Das dürfen wir nicht zulassen. Das Surbtal mit der Achtung der jüdischen Kultur ist ein leuchtendes Beispiel für die politische Tugend des Zusammenhaltes und des guten Zusammenlebens.
Ich wünsche dem Schweizer Museum für Feuerwehr und Berufe viel Erfolg und freue mich jetzt, die Räume nochmals zu begehen.
Ich danke Ihnen.