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2023 — Marianne Binder-Keller

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SCHWERE LOS für Rückenwind plus.

Meine Rede an einer Buchvernissage:

Verehrte Gäste,

Peter Lude, der Verwaltungsratspräsident von Rückenwind plus hat uns eben alle ausführlich begrüsst und ich erlaube mir deshalb meine Anreden noch etwas expliziter an die heutigen Hauptfiguren der Vernissage und die Protagonistinnen und Protagonisten des Buches SCHWERE LOS zu richten.

Sehr geehrte Bewohnerinnen und Bewohner von Rückenwind plus,

sehr geehrte Pflegende von Rückenwind plus

Sie haben mit den Schilderungen Ihres Alltages und Ihrem Zusammensein das Fundament gelegt zu diesem Buch SCHWERE LOS. Sie geben Einblick in ein Leben, dessen Los Schwere bedeutet, aber auch, wie Sie mit dieser Schwere umgehen, um Schweres los zu werden. Oder zu mindern. Immer wieder tauchen in diesem Umgang mit Ihrem Los der Schwere Lachen und Fröhlichkeit auf. Ich zitiere Anne Iten, welche beim Attentat im Zuger Parlament 2001 aufs Schwerste verletzt wurde und querschnittgelähmt ist.  Sie schreibt: «Ich habe gelernt, in der Begrenzung andere Talente zu entwickeln. Humor gehört dazu, feine Ironie und englischer Witz, den ich mir während meines Sprachstudiums in England angeeignet habe. Das alles hilft mir, in dunklen Stunden nicht aufzugeben.» 

Oder Peter von Niederhäusern, der leider im November 24 verstorben ist. Er schreibt: «Um meine Frau zu entlasten war ich schon mehrmals im Rückenwind. Dieser Ort ist einzigartig in der Schweiz. Hier nehmen sie sich Zeit, hier darf ich schwach sein. Pflegende wie Mandy oder Jeanine holen mich aus den Löchern heraus. Sie bringen Humor in den Alltag, auch wenn es oft nicht lustig ist. Wir reden über Gott und die Welt und manchmal genügt ein Scherz, um wieder Luft zu bekommen.» 

Ich kann in der kurz bemessenen Redezeit hier nicht das ganze Buch vorlesen. Es liegt vorne auf dem Büchertisch und Sie können sich später selber darin vertiefen. Ich nutze deshalb meine Sprechminuten maximal und richte sie an zwei weitere Personen, es sind die Gestalter und Herausgeber von SCHWERE LOS, nämlich René Rohr und Thomas Gröbly. Sie haben dieses Werk textlich, bildnerisch und lyrisch geformt. 

Sehr geehrter René Rohr, sehr geehrter Thomas Gröbly, Ihnen ist es gelungen, ein gesellschafts-und gesundheitspolitisches Anliegen auf bewegende Weise in Wort und Bild zu fassen. Es geht darum, eine Finanzierungslücke im Schweizer Gesundheitswesen zu schliessen. Ich habe dazu eine Motion eingereicht, sie ist zu Beginn des Buches erklärt. Textlastig, wie das halt bei Politikerinnen und Politkern so ist. Sie jedoch liefern auf brillante Weise die nötige Veranschaulichung eines politischen Vorstosses. Das hat es so noch nicht gegeben. 

Mit meiner Motion habe ich die Ehre, beim Anliegen Rückenwind plus mitzuwirken. Die Motion wurde in der Frühlingssession im Plenum zur eingehenden Beratung auf Antrag von Ständerat Erich Ettlin der gesundheitspolitischen Kommission zugewiesen. Das ist ein erster Erfolg, denn der Bundesrat hat die Motion abgelehnt. So bleibt jetzt Zeit, die Kommission vom Anliegen zu überzeugen, indem beispielsweise Anhörungen durchgeführt werden können. 

Und nun möchte ich natürlich speziell den Spiritus rector oder weil diese einmalige Station ja Rückenwind heisst, den Spiritus venti, den Geist des Windes, wobei bei seinem Charakter eigentlich Geist des Orkans eine bessere Umschreibung wäre, anreden. Er ist der Bad Zurzacher Aeolus, der Bad Zurzacher Gott des Windes, Gott des Rückenwindes, lieber Peter Lude!

Ich hatte gerade meine erste Session im Ständerat hinter mir. Die Wintersession 2023. Es war eine sehr entspannte Session, weil Neulinge im Ständerat angehalten sind, in der ersten Session erst einmal nur zuzuhören. Das muss man in diesem Rat unbedingt geniessen, es ist einem nachher nie mehr vergönnt, drei Wochen lang einem hochkarätigen politischen Seminar beizuwohnen und und selber gar nichts dazu beitragen zu müssen. 

In dieser entspannten Stimmung also, rief mich Peter Lude an, erklärte mir das Projekt Rückenwind und lud mich ein, die Station zu besuchen, was ich dann auch kurz vor Weihnachten 2023 tat. Obwohl, wie geschildert, arbeitsmässig nach dieser Session sehr relaxed, war der Besuch ein sehr intensives Erlebnis. Ich war beeindruckt vom Leben auf der Station Rückenwind, und ich habe seither einen inspirierenden Austausch mit Peter Lude, der ja selber auch querschnittgelähmt ist. Mich beeindruckt seine Schaffenskraft, seine Hartnäckigkeit, sein unerbittlicher Glaube an das Gelingen der Idee, diese Versorgungslücke im Schweizer Gesundheitswesen zu schliessen und sein Mut, über Höhen und Tiefen dieses politischen Prozesses hochleistungsmässig zu hangeln. Ich gebrauche einen Begriff aus der Sportwelt. Hochleistung. Peter Lude war und ist Sportler, seine politische Muskelleistung im Kampf gegen die Schwere dieser Versorgungslücke ist ausdauernd und legendär. 

Rückenwind plus füllt eine Lücke zwischen Spital-und Pflegegesetz. Dies in der praktischen Versorgung und somit der Finanzierung von geeigneten temporären Pflegeplätzen mit medizinischen Dienstleistungen, wenn im Alltag eine Notsituation entsteht- beispielsweise durch den Ausfall pflegender Personen einerseits oder durch schwerwiegende Krankheit oder Unfall des Pflegebedürftigen anderseits. Es führt bei Patienten und Patientinnen mit einer Querschnittlähmung oder mit einer tetraplegischen Symptomatik oft zu langwierigen Hospitalisierungen und Komplikationen. Dies deshalb, weil Spitalleistungen die Komplexität der Pflege dieser Menschen nicht vollständig auffangen können und Pflegeinstitutionen für solch komplexe Patientinnen und Patienten nur unzureichend ausgerüstet sind. 

Versorgungslücken werden in der Regel von Angehörigen und Bezugspersonen gefüllt. Sie leisten dabei einen unschätzbaren Beitrag an die Versorgungsleistungen. Ohne sie könnten die erreichten Fortschritte der Rehabilitation und lebenslangen Integration nicht aufrechterhalten werden. Fallen diese pflegenden Bezugspersonen jedoch aus, etwa durch Krankheit, Unfall, Erschöpfung oder altershalber, wer leistet dann die spezialisierte Pflege und wer finanziert sie?

Die Politik muss eine Lösung für die Lücke finden. Und dieses Buchprojekt SCHWERE LOS soll für den nötigen Rückenwind sorgen, die Lücke zu schliessen. Ich danke allen, welche dieses gesundheitspolitische Anliegen mit SCHWERE LOS veranschaulichen durch Bild und Text, und ich danke allen, welche daran gearbeitet haben, Sie erlesen die Namen der Persönlichkeiten im Impressum des Buches. Und ich bitte Sie alle, die Sie hier anwesend sind, Botschafterinnen und Botschafter zu sein für Rückenwind. Rückenwind plus. Das Plus ist den Angehörigen gewidmet. 

Ich ende mit den Worten von Siegrid Bütler und Marni Mantarro, Mutter und Tochter. Siegrid Bütler lebte mit ALS-Erkrankug auf der Station, sie kann leider diese Buchvernissage auch nicht mehr erleben, weil sie unterdessen auch verstorben ist. Siegrid Bütler war Fotomodell und Entwerferin von Modekollektionen. Sie sagte über sich, dass Schönheit und Ordnung ihre Welt waren. Und trotz aller Schmerzen, schrieb sie, solange ich Schönheit sehen kann-sei es in einer Blüte, in einem Muster oder in einem freundlichen Gesicht-, habe ich etwas, dass mich trägt. 

Und ihre Tochter Marni Mantarro, schreibt: «Rückenwind plus ist die kompetenteste und einzige Einrichtung, die sich mit «schweren Fällen», wie ihre Mutter sie erleidet, nämlich ALS, auskennt. «Ich bin unglaublich dankbar, dass meine Mutter dort ein Daheim bekommen hat. Sie ist gut aufgehoben an diesem wunderbaren Ort. Ich hoffe, dass sie bleiben kann, solange sie lebt.»

Dieser Wunsch ging in Erfüllung. Siegrid Bütler durfte an diesem wunderbaren Ort bleiben so lange sie lebte. Es bleibt diese Einschätzung ihrer Tochter über Rückenwind plus als «kompetenteste und einzigartige Einrichtung». Ich teile sie von ganzem Herzen. 

Ich wünsche Ihrer Station den Erfolg, den Sie alle, die Patientinnen und Patienten verdienen und für den unsere solidarische Gesellschaft steht und sich engagiert. 

Ich danke Ihnen. 

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