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2023 — Marianne Binder-Keller

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Ambassadors Advent Meeting 2025

Your Excellencies
Honourable guests,
Dear Friends

Do not be afraid.

About this sentence I was asked to say some words. Thankyou for the honour inviting me.

My mother, Rosemarie Keller, was a writer. One of her books was dedicated to her mother, my grandmother. The novel is called «Die Wirtin» (The Landlady). And dedicated to he book there ist a permanent exhibition in Baden called Hotel Zuflucht (Hotel Refuge).

My grandmother, Paulina Borner, ran a hotel in the health resort Baden, canton of Aargau. During the Second World War she took in Jewish refugees from Germany, Belgium and Holland. My grandmother was widowed at an early age with two young daughters, and to prevent her Jewish guests from being deported my grandmother had to vouch for her relationship to them every three months.

This certification was made to an official from the capital of the canton of Aargau. The official, for his part, did not believe a word she said. How could a woman named Borner suddenly have so many relatives with Jewish names? But he signed the forms every time. Illegally. In doing so, these two long-dead, little-known heroes of the 1940s saved around thirty lives. Among them were ten children.

Ladies and gentlemen, my grandmother was a devout Catholic. Catholics do not lie. But my grandmother said: «When the state is wrong, Christians must do the right thing. National Socialism, fascism and Soviet dictatorships are certainly not Christian. It is wrong.»  

My grandmother sometimes had to listen to people in Switzerland who were organised and who expected, hoped for and prepared for the Nazi invasion, when they entered the retaurant: ‘Your Hotel Rosenlaube and your staff and your children will be punished when the Führer comes. Send the Jewish guests away.» And apparently my grandmother replied: «They are paying guests, just like you.»

Do not be afraid.

I come to the conclusion and to the same question we all ask ourselves when it comes to moral courage. ‘Did or do we have the courage? Were or are we afraid?’ Who would have thought that we would have to ask ourselves this question again in such a dramatic way nowadays!

We have been the privileged ones in Western constitutional states since 1945. We grew up with a freedom unprecedented in world history. Ultimately based values on early Christianity, I emphasise: early Christianity, not the Church for example in the Middle Ages and ist horror, early Christianity with its values: Freedom. Equal rights. Solidarity. We have an obligation: to stand by these values to stand by the rule of law. To stand by democracy. To condemn dictators, those who twist the truth. The propagandists.

And now specifically: what is happening in Ukraine is happening to Europe and to all Western constitutional states.

What saved Europe in 1945: the stand for freedom.

The courage of the individual.

And this incredible commitment: I am not afraid. Do not be afraid.

Shortly before she died, my mother said something to me that completely overwhelmed me. I remarked that certain radical socio-political developments today were making me very anxious, and she said: «You have never been someone who was afraid.»

Even if my mother was being a little too euphoric in this expertise about me, I mean, she was my mother, her words still gave me courage.

And that is why I wish for all of us: do not be afraid. Democracies are sensitive structures. They were fought for by people who were not afraid, and they survive through all of us who are not afraid to stand up for them. Just as the people of Ukraine are doing, for example.

So: do not be afraid of demagogues.

Let us have the courage to do the right thing and not allow our brains to get spoiled by Dictators‘ sycophants. Say the truth.

Do not be afraid.
Thank you.

Sehr geehrte Damen und Herren Botschafterinnen und Botschafter
verehrte Gäste,
liebe Freunde,

Fürchtet euch nicht.

Zu diesem kraftvollen Satz wurde ich gebeten, an Ihrem Treffen ein paar Worte zu sagen. Ich danke Ihnen für die Ehre, an Ihrem Botschaftertreffen zum Advent teilnehmen zu dürfen. 

Meine Mutter, Rosemarie Keller, war Schriftstellerin. Eines ihrer Bücher widmete sie ihrer Mutter, meiner Grossmutter. Der Roman heisst «Die Wirtin». Dem Roman wiederum gewidmet ist eine Dauerausstellung in Baden mit dem Titel „Hotel Zuflucht”.

Meine Großmutter, Paulina Borner, betrieb ein Hotel im Kurort Baden im Kanton Aargau. Während des Zweiten Weltkriegs war es Zufluchtsort für jüdische Flüchtlingen aus Deutschland, Belgien und Holland. Meine Großmutter war früh verwitwet und hatte zwei kleine Töchter. Um zu verhindern, dass ihre jüdischen Gäste deportiert wurden, musste meine Großmutter alle drei Monate ihre Beziehung zu ihnen bestätigen.

Diese Bescheinigung wurde einem Beamten aus der Hauptstadt des Kantons Aargau vorgelegt. Der Beamte glaubte ihr kein Wort. Wie konnte eine Frau namens Borner plötzlich so viele Verwandte mit jüdischen Namen haben? Aber er unterschrieb jedes Mal die Formulare. Illegal. Damit retteten diese beiden längst verstorbenen, wenig bekannten Helden der 1940er Jahre rund dreißig Menschenleben. Unter ihnen waren zehn Kinder.

Meine Damen und Herren, meine Großmutter war eine gläubige Katholikin. Katholiken lügen eigentlich nicht…Aber meine Großmutter sagte: „Wenn der Staat Unrecht hat, müssen Christen das Richtige tun. Nationalsozialismus, Faschismus und sowjetische Diktaturen sind sicherlich falsch. Und nicht christlich.» 

Meine Großmutter musste sich manchmal in der Schweiz von Leuten, man nannte sie Fröntler, Organisierte, welche die Invasion der Nazis erwarteten, erhofften und vorbereiteten, folgendes anhören, wenn sie das Restaurant betraten: „Ihr Hotel Rosenlaube und Ihre Mitarbeiter und Ihre Kinder werden bestraft werden, wenn der Führer kommt. Schicken Sie die jüdischen Gäste weg.” Und offenbar antwortete meine Großmutter: „Sie sind zahlende Gäste, genau wie Sie.”

Fürchtet euch nicht.

Ich komme zu dem Schluss und zu derselben Frage, die wir uns alle stellen, wenn es um Zivilcourage geht. „Hätten oder haben wir den Mut? Hätten oder haben wir Angst?“ Wer hätte gedacht, dass wir uns diese Frage heute wieder auf so dramatische Weise neu stellen müssen!

Wir sind seit 1945 die Privilegierten der Welt in den westlichen Verfassungsstaaten. Wir sind in einer in der Weltgeschichte beispiellosen Freiheit aufgewachsen. Letztendlich basieren unsere Demokratien und Rechtsstaaten auf den Werten des frühen Christentums, ich betone,  frühes Christentum, ich spreche natürlich nicht von der Kirche des Mittelalters beispielsweise und ihren Schreckenstaten, sondern vom urchristlichen Gedanken der Freiheit, der Gleichberechtigung und der Solidarität. Wir haben eine Verantwortung, zu diesen Werten zu stehen, zur Rechtsstaatlichkeit, zur Demokratie. Eine Verpflichtung, Diktatoren zu verurteilen und diejenigen, die die Wahrheit verdrehen. Die Propagandisten.

Und jetzt konkret: Was in der Ukraine geschieht, geschieht in Europa und in allen westlichen Verfassungsstaaten.

Was Europa 1945 gerettet hat, war das Eintreten für die Freiheit.
Der Mut des Einzelnen. Und dieses unglaubliche Bekenntnis: Ich habe fürchte mich nicht.

Kurz vor ihrem Tod sagte meine Mutter etwas zu mir, das mich völlig überwältigte. Ich bemerkte ihr gegenüber, dass mich bestimmte radikale gesellschaftspolitische Entwicklungen heute sehr beunruhigten. Sie bestimmte: «Du warst noch nie jemand, der Angst hatte.»

Auch wenn meine Mutter in dieser Einschätzung über mich sicher zu euphorisch war – sie war schließlich meine Mutter – gaben mir ihre Worte dennoch Mut.

Und deshalb wünsche ich uns allen: Fürchtet euch nicht. Demokratien sind sensible Gebilde. Sie wurden von Menschen erkämpft, welche die Angst um sich selber überwanden, um Freiheit für alle zu erlangen.  Und sie überleben durch uns alle, die wir keine Angst haben, weiterhin für die Freiheit und die Demokratie einzustehen. So wie es beispielsweise die Menschen in der Ukraine tun.

Also: Habt keine Angst vor Demagogen.

Lasst uns den Mut haben, das Richtige zu tun, und uns nicht von den Speichelleckern der Diktatoren das Gehirn vernebeln lassen. Schleudert ihnen die Wahrheit entgegen

Fürchtet euch nicht.

Danke.

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